Innenraumluftqualität nach Sanierung: Messverfahren und Grenzwerte 2026

Innenraumluftqualität nach Sanierung: Messverfahren und Grenzwerte 2026

Warum die Luft nach der Sanierung oft schlimmer ist als vorher

Wenn du deine Wohnung sanierst, denkst du normalerweise an neue Fliesen, frische Farbe und moderne Fenster. Aber was passiert mit der Luft? Nach der Sanierung ist sie oft belasteter als vorher. Neue Teppiche, Kleber, Lacke und Dämmmaterialien geben flüchtige Schadstoffe ab - vor allem in den ersten Wochen. Diese Stoffe, wie Formaldehyd und TVOC (gesamte flüchtige organische Verbindungen), können Kopfschmerzen, Reizungen der Augen und Atemwege oder sogar langfristig gesundheitliche Probleme verursachen. Viele Menschen bemerken das erst, wenn sie nach der Einzugskampagne krank werden. Die gute Nachricht: Du kannst das messen. Und du kannst es vermeiden.

Was genau ist TVOC und warum ist es so wichtig?

TVOC steht für „total volatile organic compounds“ - also alle flüchtigen organischen Verbindungen zusammengefasst. Es ist kein einzelner Schadstoff, sondern eine Gruppe von Hunderten Chemikalien, die aus neuen Bauprodukten entweichen. Dazu gehören Formaldehyd, Benzol, Toluol und viele mehr. Sie riechen manchmal nach „neuem Holz“ oder „frischer Farbe“, aber oft auch gar nicht. Und genau das ist das Problem: Du riechst sie nicht, aber dein Körper nimmt sie auf.

Die deutsche Regelung unterscheidet klar zwischen fünf Stufen der Belastung, wie vom Umweltbundesamt festgelegt:

  • Stufe 1: TVOC < 0,3 mg/m³ - unbedenklich, Zielwert
  • Stufe 2: 0,3-1 mg/m³ - empfohlene verstärkte Lüftung
  • Stufe 3: 1-3 mg/m³ - gesundheitliche Bedenken
  • Stufe 4: 3-10 mg/m³ - hygienisch bedenklich, Raum nur maximal einen Monat mit starker Belüftung nutzbar
  • Stufe 5: > 10 mg/m³ - hygienisch kritisch, sofortige Maßnahmen nötig

Ein Wert von 1.200 μg/m³ (1,2 mg/m³) ist also schon in Stufe 3 - kein Grund zur Panik, aber ein klares Signal: Lüften, lüften, lüften. Und wenn du dich für eine DGNB-Zertifizierung interessierst, dann ist der Grenzwert für volle Punktzahl bei nur 500 μg/m³.

Formaldehyd: Der unsichtbare Gegner

Formaldehyd ist einer der gefährlichsten Schadstoffe nach Sanierungen. Es wird in Spanplatten, Klebern, Isolierungen und sogar in manchen Textilien verwendet. Die WHO empfiehlt einen Langzeitgrenzwert von 10 μg/m³ - doch in Deutschland ist der aktuelle DGNB-Grenzwert für volle Punktzahl 30 μg/m³. Das ist mehr als das Dreifache. Einige Experten, wie Dr. Hans-Joachim Wiedemann vom Deutschen Institut für Baubiologie, halten diese Werte für zu hoch. Sie argumentieren: Wer Gesundheit ernst nimmt, sollte nicht auf halbem Weg aufhören.

Die DGNB-Kriterien (Version 2023) haben den Formaldehyd-Grenzwert für volle Punktzahl von 50 auf 30 μg/m³ verschärft. Das ist ein wichtiger Schritt. Aber viele Sanierungsprojekte orientieren sich noch an alten Werten. Wenn du nach der Sanierung messen lässt, frag nach dem genauen Wert. Ein Wert von 45 μg/m³ mag noch „im Rahmen“ sein - aber er ist nicht gesund.

Wie wird die Luft richtig gemessen? (DIN ISO 16000-6)

Es reicht nicht, einfach ein Messgerät in die Ecke zu stellen. Die Messung muss nach DIN ISO 16000-6 erfolgen - das ist die europäische Norm. Hier sind die wichtigsten Regeln:

  1. Temperatur: 20 ± 2 °C, Luftfeuchtigkeit 50 ± 10 %
  2. Belüftung: Räume müssen unter typischen Nutzungsbedingungen gemessen werden - also Fenster zu, Heizung an, Möbel drin
  3. Dauer: Mindestens 72 Stunden für VOC, 24 Stunden für Formaldehyd
  4. Messpunkte: Mindestens drei pro Raum, nicht nur in der Mitte
  5. Zeitpunkt: Innerhalb der ersten 4 Wochen nach Fertigstellung - das ist die kritische Phase

Warum so lange? Weil die Emissionen von neuen Materialien nicht sofort abklingen. Studien zeigen: 60-70 % der VOC-Emissionen passieren in den ersten 14 Tagen. Wenn du erst nach 8 Wochen misst, siehst du nur noch die Reste - und nicht die echte Belastung.

Technische Darstellung einer DIN ISO 16000-6 Luftmessung mit drei Messgeräten in verschiedenen Raumpositionen.

DGNB vs. andere Standards: Was zählt wirklich?

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat einen der strengsten und detailliertesten Ansätze. Hier ist, wie die Punkte verteilt werden:

Leistungsstufen der DGNB für Innenraumluftqualität (Version 2023)
TVOC Formaldehyd Punkte
< 500 μg/m³ < 30 μg/m³ 50
< 1.000 μg/m³ < 60 μg/m³ 25
< 3.000 μg/m³ < 100 μg/m³ 10
> 3.000 μg/m³ > 100 μg/m³ 0

Im Vergleich dazu: Der britische BREEAM-Standard hat nur zwei Stufen, und LEED verlässt sich auf die US-amerikanische ASHRAE-Norm, die weniger detailliert ist. Die DGNB unterscheidet auch zwischen Messungen innerhalb und außerhalb der ersten 4 Wochen - das ist einzigartig. Denn nach 8 Wochen sinken die Werte oft um 30-40 %. Wer erst dann misst, versteckt die Wahrheit.

Praktische Tipps: Was du selbst tun kannst

Wenn du planst, deine Wohnung zu sanieren, dann denk schon vorher an die Luft:

  • Wähle Bauprodukte mit niedriger Emission: Suche nach Produkten mit dem Blauen Engel oder dem EMICODE EC1 Plus-Label. Die sagen dir: „Dieses Material gibt kaum Schadstoffe ab.“
  • Lüfte intensiv vor dem Einzug: Schon 2-3 Wochen vor dem Einzug: Türen und Fenster offen, Lüftungsanlage an, wenn vorhanden. Das spart später viel Ärger.
  • Vermeide Kleber und Dämmstoffe mit Formaldehyd: Frag beim Handwerker nach Alternativen - es gibt sie.
  • Verlange eine Messung vor dem Einzug: Lass dich nicht von „das ist doch nur neuer Geruch“ abwimmeln. Eine Messung kostet zwischen 850 und 1.200 Euro pro Raum - aber ein gesundes Zuhause ist unbezahlbar.
  • Warte nicht auf die DGNB-Zertifizierung: Selbst wenn du nicht zertifizieren willst, orientiere dich an deren Grenzwerten. Sie sind die sicherste Basis.

Was passiert, wenn die Werte zu hoch sind?

Wenn die Messung zeigt: TVOC > 1.000 μg/m³ oder Formaldehyd > 60 μg/m³, dann ist das kein Grund, die Wohnung zu verlassen - aber ein Grund, zu handeln. Die meisten Probleme lösen sich mit Zeit und Luft. Aber du musst sie aktiv holen:

  • 24/7-Lüftung: Öffne Fenster mindestens 2-3 Mal täglich, auch im Winter. Nutze die Stoßlüftung.
  • Technische Lüftung: Wenn du eine kontrollierte Wohnraumlüftung hast, stelle sie auf höchste Stufe. Sie zieht Schadstoffe schneller ab als Fenster.
  • Keine Möbel oder Teppiche nachträglich einbringen: Neue Einrichtung bedeutet neue Emissionen - das verschlimmert die Lage.
  • Warte 6-8 Wochen: In 80 % der Fälle sinken die Werte nach 6 Wochen unter die DGNB-Grenzwerte. Nur in 5-10 % der Fälle bleibt die Belastung kritisch - dann muss nachgebessert werden.
Zeitliche Entwicklung der Innenraumluftqualität nach Sanierung: von verschmutzt über lüften bis zu sauberer Luft.

Warum viele Sanierungen scheitern - und wie du es vermeidest

Ein Fall aus München: Ein Bauunternehmen hat alle DGNB-Kriterien erfüllt - TVOC 980 μg/m³, Formaldehyd 58 μg/m³. Nach dem Einzug klagten die Mieter über Kopfschmerzen. Erst nach 6 Wochen, mit Werten von 420 μg/m³ und 28 μg/m³, war es besser. Warum? Weil sie die Messung zu früh gemacht haben. Die Grenzwerte sind nicht für den Tag der Fertigstellung, sondern für die Zeit, in der du lebst.

Die größte Falle: Handwerker, die denken, „wir haben die Materialien ausgewählt - alles gut“. Aber Materialien sind nur die halbe Wahrheit. Wie sie verbaut werden, wie lange gelüftet wurde, wie die Raumtemperatur war - das alles beeinflusst das Ergebnis. Deshalb brauchst du einen unabhängigen Messdienstleister. Kein Bauunternehmen sollte selbst messen. Das ist wie ein Arzt, der sich selbst operiert.

Was kommt als Nächstes? (Trends bis 2027)

Die EU arbeitet an einer neuen Norm: EN 16516:2023. Ab 2025 wird sie verbindlich. Sie vereinheitlicht die Messverfahren in ganz Europa - endlich. Gleichzeitig wird die EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) bis 2030 verlangen, dass alle öffentlichen Gebäude eine gesunde Luftqualität nachweisen. Das wird die Nachfrage nach Messungen verdoppeln.

Und es gibt neue Technologien: IoT-Sensoren, die kontinuierlich die Luft messen. In Zukunft wirst du nicht mehr nach der Sanierung messen - sondern die Luft deiner Wohnung ständig im Blick haben. Das ist der nächste Schritt. Aber bis dahin: Messen, lüften, wählen - und nicht ignorieren.

Wie viel kostet eine Messung wirklich?

Ein einzelner Raum: 250-400 Euro. Ein ganzes Haus mit 5 Zimmern: 850-1.200 Euro. Das klingt viel - aber es ist weniger als 5 % der Gesamtkosten einer Sanierung. Und es verhindert teure Folgekosten: Arztbesuche, Ausfallzeiten, Mietminderungen, oder sogar juristische Auseinandersetzungen. In Mehrfamilienhäusern ist die Messung oft sogar Pflicht - besonders wenn es um öffentliche Fördermittel geht.

Die wichtigsten Anbieter in Deutschland sind IBR (Institut für Baubiologie Rosenheim), Raumluft-Ingenieure.de und regionale Ingenieurbüros. Achte darauf, dass sie nach DIN ISO 16000-6 messen und die DGNB-Kriterien kennen. Frag nach dem Messprotokoll - ein seriöser Anbieter gibt es dir schriftlich.